PATD: Bernd Aspacher, Ralf
Haslinger, Ekke Müller
Fontaine
de Vaucluse heisst die Quelle des Flusses Sorgue,
ebenso die dort liegende Ortschaft. In der
Ortschaft blüht der Tourismus,
sie liegt unter einer Burg, nachweislich mit sehr
sehr alten Grundmauern und Spuren der römisch-keltischen
Kultur,
und die Quelle ist tief, sehr sehr tief.
Im Jahre 1878 ging der erste Taucher, Ottonelli
aus Marseille, die Erforschung des Schlundes an.
Er ließ ein stählernes Boot zur Quelle
transportieren, brachte seinen Kupferhelm mit und
lies andere,
damals übliche, Tauchausrüstung darin
verstauen und begab sich auf dem kleinen Quellsee
an eine Stelle,
die für einen freien Abstieg geeignet war.
Ottonelli glaubte, bei 23m Tiefe den Grund der
Quelle erreichte zu haben.
Immerhin führte er damit den ersten Höhlentauchgang
mit Tauchgerät durch.
1946 fand in der Fontainde de Vaucluse auch der
erste Höhlentauchgang unter Benutzung eines
Lungenautomates statt.
1955 tauchte Cousteau bis in eine Tiefe von 74m,
ohne den Höhlengrund zu finden.
1983 tauchte Jochen Hasenmayer mit 400kg Ausrüstung
während eines neunstündigen Tauchganges
in 12°C "warmem" Wasser in eine Tiefe
von 205m.
Er kehrte um in einem senkrechten Schacht, in
welchem man nicht von einer Wand zur anderen
sehen konnte und schon gar nicht zum
Grund,
der nach wie vor unerreicht blieb.
Den Grund in 308m Tiefe erreichte man zwei Jahre
darauf mit einem ROV (remote operating vehicle,
Kamera-Roboter).
Geologisch gesehen ist die Fontaine de Vaucluse
ein zum Teil ungeklärtes Phänomen,
auf der anderen Seite ein Prachtexemplar, was die
Entstehung einer Höhle entsprechend der
Schulmeinung angeht.
Dies geht sogar so weit, dass man gewisse Quellen
als "Vaucluse-Typ" bezeichnet.
Das Gebirge östlich von Avignon besteht aus
einer mindestens 700m dicken Kalksteinplatte.
Als sich das Rhonetal eingefressen hatte, ist ein
Teil diese Platte abgebrochen und nach unten
weggerutscht.
Die Bruchkante, welche geologisch eine Verwerfung
genannt wird, bildete den Keim für die Höhlenentstehung.
Man sieht den Riss im Gestein heute noch aus dem
Quelltopf herauskommend in der 300m hohen darüber
liegenden Felswand verlaufen.
Die wassergefüllte Höhle verläuft exakt in
Richtung dieser Verwerfung schräg in die Tiefe;
ein Tunnel der deutlich breiter als hoch ist, so
wie es immer der Fall ist, wenn sich eine Höhle
entlang einer Gesteinsfläche bildet.
Geologisch interessant ist hierbei auch, dass
sich die Gänge der Quelle weit unter dem
Vorfluterniveau
(Sorgue, Rhone) gebildet haben, letztendlich
sogar unter dem Meeresspiegel des Mittelmeers.
Im Großteil des Jahres liegt der Wasserspiegel
bis zu 23m unterhalb der großen Quellöffnung.
Wasser, welches in die Höhle eindringt, fließt
durch tiefer gelegene Sekundärquellen ab.
Im Frühjahr jedoch, vermutlich durch die
Schneeschmelze angetrieben, steigt der
Wasserspiegel sehr rasch an
und ein gewaltiger Sturzbach ergießt sich aus
der Hauptquelle.
Mit bis zu 130 m3 pro Sekunde entsteht
die stärkste Karstquelle Europas.
Das Wassereinzugsgebiet reicht hierbei bis zu 50km
ins Hinterland und hat eine Fläche von rund 1500km2,
wie Färbeversuche nachweisen konnten.
Nach vier bis sechs Wochen beruhigt sich die
Quelle wieder und der Wasserspiegel sinkt langsam
um 20m ab.

Im Sommer 2001 betauchten Roland Pastor, Lionel
Charon, Thomas Soulard, Eric Trilles, Christian
Sabatier, Bernd Aspacher,
Ralf Haslinger und Ekkehard Müller, allesamt
Mitglieder der "Société Spéléologique de
Fontaine de Vaucluse" (S.S.F.V.) die Höhle.
Das Ziel ist die gründliche Erforschung der
Quelle, von der bisher mehr Mythen als tatsachen
bekannt sind.
Für die S.S:F.V. war die Stickstoffnarkose
bisher der limitierende Faktor und genau hier
konnten die drei PATD-Instruktoren eine
Zusammenarbeit anbieten.
Was früher mit Luft getaucht wurde, wird jetzt
standesgemäß mit Nitrox und
Trimix erledigt und aus der Aktion ist
eine Freundschaft entstanden.
In
jenem Sommer lag das Hauptaugenmerk zunächst im
Vermitteln der Mischgastheorie
und im Kennenlernen der Höhle und die
Schwierigkeit lag wie so oft nicht im Tauchgang
selbst,
sondern im Transport der Ausrüstung. Das gesamte
Material, rund 130kg pro Taucher,
wurde im roten Transporter, liebevoll "Le
Truc rouge" genannt, bis an die Treppen
gefahren,die zur Quelle hochführen.
Von dort wurde die Ausrüstung rund 200m weit
hoch zur Hauptquelle und dann wieder
die 20m Höhenunterschied runter zum Quellsee
transportiert, entlang eines steilen, rutschigen
Pfades.
Wer nun meint, dass Höhlentauchen nicht ganz
ungefährlich ist,
der mag wohl recht haben aber der
Transport der Ausrüstung in diesem Gelände ist
sicherlich das gefährlichste daran
und an die mühseligen
Aufstiege nach den Tauchgängen wollen wir erst
gar nicht erinnert werden.

"Nach dem Anlegen der Ausrüstung und
einem beherzten Sprung ins kalte Wasser
öffnete sich für mich ein erster Blick ins
klare Wasser der Vaucluse.
Roland, der die Höhle am besten kennt, taucht
als erster ab, Ekke, Ralf und ich folgen.
Auf der ersten Etage in 8m Tiefe, der Oberkante
des Schotterpfropfens legen wir die Sauerstoff-Dekotanks
ab.
Der Weg führt weiter durch ein 2m mal 3m großes
Fenster, die "Engstelle".
Taucherisch gesehen ist dies natürlich alles
andere als eng,
aber ich möchte nicht wissen was hier los ist,
wenn 100 m3 pro Sekunde
durch diese Öffnung donnern.
Wir folgen dem dicken Speleo-Seil schräg in die
Tiefe.
In 20m Tiefe liegt zur Linken immer noch das
alte, gesunkene Stahlboot von Ottonelli, völlig
mit Felsbrocken gefüllt und leicht deformiert.
Kurz nach dem Boot endet der Schotterpfropf und
es öffnet sich die erste Halle.
Trotz klarer Sicht und HID-Lampen und 200 Watt
Beleuchtung ist es nicht möglich, die Wand auf
der anderen Seite zu sehen.
Wir tauchen weiter ab, bis auf 40m Tiefe.
Roland zeigt uns ein rundes Loch in der Felswand
und ich verstehe zunächst nicht, was daran
besonderes sein soll.
Erst beim Näherkommen spüre ich den Sog, der
Wasser in dieses Loch saugt.
Es ist einer der Gänge, über welche das Wasser
zu den Sekundärquellen fließt.
Die Strömungsgeschwindigkeiten innerhalb des
Tunnels sind gewaltig, man kann dies dadurch
erahnen,
indem man etwas Schlamm vor der Schwinde
aufwirbelt und zusieht, wie schnell der Silt im
Loch verschwindet.
Während Ralf dieses Spiel begeistert
weiterverfolgt, sinken Ekke und ich nochmals 8m
tiefer.
Hier endet die große Halle und ein Portal führt
in den weiter in die Tiefe verlaufenden Schacht.
Für heute ist hier Schluß."
 
 
Die Fontaine de Vaucluse war schon
immer Anziehungspunkt für Touristen und
Prominenz.
Selbst ein
bayrischer König soll schon hier gewesen sein.
Im Mittelalter, insbesondere zur Zeit als die K
onterpäpste in Avignon saßen, war die Fontaine
eine Attraktion.
Alte Chroniken berichten, dass ein Steinmetz von
einem Papstgesandten den Auftrag erhalten hatte,
Wassermarkierungen anzubringen. Diese sind heute
nicht mehr zu sehen, zumindest nicht an der
Wasseroberfläche.
Roland hat jedoch in 15m Tiefe auf einem
herabgestürzten Felsen Wandgravuren
und eine Jahreszahl gefunden, die darauf
hindeuten, dass die Chroniken durchaus korrekt
sein können.
Ein zweiter Tauchgang bringt die Gruppe bis auf
eine Tiefe von 60m.
Als Atemgas wird ein normoxisches Trimix
verwendet, dazu Nitrox50 und Sauerstoff für die
Deko.
Diesmal taucht Ekke als erster ab, bewaffnet mit
seiner 3-Chip-Videokamera und zwei Lampen,
die an die Photonentorpedos von Raumschiff
Enterprise erinnern.
Er positioniert sich in 40m und 65m Tiefe und hält
filmerisch fest, wie der Rest der Truppe in die
Halle bzw. später in den Schacht eintauchen.
Auch auf dem Film wird klar, wie gewaltig die
Dimensionen dieser Höhle sind:
Die Wände sind nur selten zu sehen, die Taucher
"fliegen" meistens durch schwarzes
Nichts.
Zum Thema Trimix meint Lionel anschließend
"Thanks PATD, thanks for my first 60m dive
without narcosis".
Über den Jahreswechsel 2001/2002 waren wir
wieder zusammen unterwegs.
Das Ziel war diesmal, die Grundlagen für die
Vermessung über und unter Wasser zu legen.
Um ersteres zu bewältigen wurden lasergestützte
Theodoliten gebaut.
Zwei dieser Geräte wurde ca. 15m von einander
entfernt im Ausfluss der Quelle aufgestellt.
Die Vermessung geschah dadurch, dass man die
beiden Laserpunkte auf der Felswand in Deckung
brachte
und in beiden Messstationen den horizontalen und
den vertikalen Winkel des Lasers notierte.
Daraus läßt sich mit ein wenig Trigonometrie
ein räumliches Abbild der luftgefüllten Grotte
erstellen.
Unter Wasser wurde zunächst klassisch verfahren.
Eine Survey-Leine, welche nur gerade verlaufen
darf,
wurde mit nur 4 Fixpunkten von der Oberfläche
bis in 75m Tiefe verlegt.
Durch das Messen der Längen der einzelnen
Polygonzüge,
deren Richtungen sowie die Tiefe der Fixpunkte lässt
sich der räumliche Verlauf der Leine berechnen.
Auch wenn dieser Verlauf "3D" ist, so
gibt er natürlich nicht die Höhle wieder,
sondern eben nur den linearen Verlauf der dünnen
Leine.
Um nun Informationen über den Verlauf der Wände
zu erhalten, muss der Abstand der Wände zur
Survey-Leine gemessen werden. Hierzu wurde ein
wasserdichtes Sonar auf eine Kunststoffplatte
montiert,
ebenso ein Kompass und eine Kreuzwasserwaage.
Mit diesem Instrument plaziert sich der Taucher
in einer zuvor festgelegten Tiefe,
bringt die Tafel mit den Wasserwaagen in die
Horizontale,
stellt auf dem Kompass die Messrichtung ein und
feuert das Sonar.
Die so erhaltenen Distanzen können nun in der
Karte in den gemessenen Richtungen
von der Leine aus eingetragen werden und man erhält
eine "3D"-Karte für Unterwasser.
Diese Vermessungen sind noch im Laufen und sollen
in den nächsten
Jahren weiter betrieben werden, auch in größeren
Tiefen.


"Beim Aufstieg von einem der Tauchgänge
winkte uns Roland zur Seite und zeigte in eine Felsspalte.
Im Strahl der Lampe irisierte es grünlich und
beim näheren Hinsehen erkannten
wir dutzende Münzen, welche im Spalt
feststeckten.
Der Riss zieht sich der gesamten Wand entlang und
ist mehr oder weniger gefüllt.
Die Münzen waren, wie wir von Roland erfuhren, römischer
Herkunft, aus der Zeit 100v.C. bis 400n.C..
Wie üblich packte mich sofort das Jagdfieber und
Ralf neben mir bekam so strahlende Augen,
dass wir getrost unsere Lampen hätten
ausschalten können und immer noch geblendet
gewesen wären.
Beide haben wir versucht, ob sich die Münzen
bewegen lassen,
doch waren diese, zum Teil mehrschichtig,
knallhart in der Spalte verbacken.".



Nach dem Tauchgang wurde darüber
philosophiert, wie diese, inzwischen von der S.S.F.V.
geborgenen,
Gold- und Bronzemünzen wohl dorthin gekommen
sein mögen.
Die wahrscheinlichste Variante ist, dass die Münzen
als eine Art Glücksbringer in die Quelle
geworfen wurden, so wie man dies heute noch bei
einigen Brunnen tut.
Die Münzen sind den Felsen entlang in die Tiefe
gerutscht, sind im Spalt hängen geblieben
und haben sich dort angesammelt. Durch die
Korrosion sind die Münzen dann angeschwollen
und haben sich mit dem Fels verbacken. Solch ein
Verhalten ist im oberen Bereich auch an
Franc-Münzen aus neuerer Zeit zu beobachten, die
fest in kleineren Ritzen stecken.
Da die Münzen größtenteils aus der selben
Epoche stammen, könnte es auch sein,
dass sie alle auf einmal in die Quelle geworfen
wurden, als eine Art Opfer,
das dann in dem Spalt landete oder von
tonnenschwerem Geröll überdeckt wurde.
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